Seveneves – Neal Stephenson

– „The moon blew up without warning and for no apparent reason.“ –

Um das in diesem Satz lapidar geschilderte Ereignis geht es in Stephensons neuem Roman Seveneves. Und das ist auch kein Spoiler, sondern mit diesem Satz beginnt das Buch. Und damit eine abenteuerliche Reise durch die Welt der Orbitalmechanik.

sevenevesWas denn nun zur Zerstörung des früheren Trabanten geführt hat, bleibt unklar. In jedem Fall zerfällt der Mond in mehrere große Teile, die in der Folge zunächst um ihr gemeinsames Gravitationszentrum – den Mittelpunkt des früheren Mondes – kreisen. Mehr Fragmente führen aber zu mehr Kollisionen, die zu mehr Fragmenten führen. Der Mond fällt exponentiell auseinander.

Die meisten der Fragmente verbleiben auch in ihrer Umlaufbahn, aber unheimlich viele davon werden auf die Erde stürzen. So viele, dass die Atmosphäre sich soweit aufheizen wird, dass Menschen auf der Erde nicht mehr leben können. Dieser „hard rain“ wird sich nur wenige Jahre nach der Zerstörung des Mondes ereignen und lässt den Menschen nur wenig Zeit, um zumindest einige zu retten – und zwar über den Exodus in das Weltall. Dafür wird versucht die internationale Raumstation ISS, hier Izzy genannt, zu erweitern und zur Zentrale eines Schwarms von kleineren – sehr kleinen – Raumschiffen zu machen.

Stephenson schrieb hier keine seichte Kost, sondern harte Science Fiction. Der Leser lernt jede Menge darüber, wie sich Objekte in Umlaufbahnen und Schwerelosigkeit verhalten. Wie sich Schwärme verhalten oder wie man Roboter am besten nutzt, um Asteroiden abzubauen und zu verformen. Auch wenn das alles sehr technisch klingen mag, ist Stephenson hier ein absolut mitreißender Roman gelungen. Es ist immens interessant zu sehen, welchen Problemen die Protagonisten gegenüber stehen, wenn sie planen, für Jahrtausende in den Orbit auszuwandern. Und wie geht’s auf der Erde zu, wenn man weiß, dass einem in wenigen Monaten die Luft zum Atmen ausgehen wird?

Was passiert, wenn Menschen im Weltall auf sich allein gestellt sind und alle Angehörigen längst tot? Wer entscheidet über Strategien, die über Leben oder Tod entscheiden? Läuft das demokratisch oder diktatorisch ab? All diese Fragen – und noch viel mehr – nehmen großen Raum im Buch ein. Platz dafür bietet der Schmöker mit seinen über 850 Seiten auch mehr als genug. Und der Bogen wird sehr weit gespannt. Wie der Leser bereits im Klappentext erfährt, erstreckt sich der Roman über mehr als 5000 Jahre.

Die Ringe des Saturn entstanden möglicherweise aus der Zerstörung eines seiner Monde, dessen Fragmente sich zu den Ringen zusammenfanden. Bild: NASA/JPL

Ich finde ja, dass Stephenson ein wirklich überragend gutes Buch gelungen ist. Das mögen andere anders sehen, aber es war für mich in weiten Teilen der beste SciFi-Roman den ich seit langem gelesen habe (allerdings konsumiere ich davon aber auch nicht übermäßig viel). Zugegeben hat das Buch im letzten Drittel einige Längen, was aber meinen Gesamteindruck nur wenig schmälert.

Der Titel Seveneves spielt übrigens auf ein Buch des Genetikers Brian Sykes an, The Seven Daughters of Eve (dt.: Die sieben Töchter Evas), in dem es darum geht, dass „nahezu jeder Mensch in Europa per mitochondrialer DNA einer von sieben Urmüttern zugewiesen werden kann“. Was es damit genau auf sich hat, werde ich hier aber nicht verraten…

Stephensons Roman Anathem fand ich zwar enorm interessant, aber auch sehr anstrengend. Die Lektüre von Seveneves, das übrigens in der Zwischenzeit bereits unter dem Titel Amalthea auf Deutsch erschienen ist, ging mir deutlich leichter von der Hand und hat mich überzeugt, mich demnächst mal an Stephensons Barock-Zyklus heranzuwagen, in dem die Entwicklung der Naturwissenschaften im 17. und 18. Jahrhundert behandelt wird!


PS. Eigentlich wollte ich mit dem Kauf von Seveneves warten, bis die Übersetzung erschienen ist. Bei einem Berlinaufenthalt bin ich aber zufällig auf den coolen SciFi- und Fantasy-Buchladen Otherland gestoßen, wo ich unbedingt einen guten Roman mitnehmen wollte. Das wurde dann eben Seveneves. Ich habe es zwar ncht mehr geschafft, das Buch vor Erscheinen der deutschen Übersetzung zu lesen, einen Besuch im Otherland kann ich aber trotzdem empfehlen!

 

 

 

 

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4 Kommentare

  1. Wunderbar! Amalthea stand auf meiner Warteliste, hatte ich aber ein wenig aus den Augen verloren…. wird sofort gekauft und gelesen!
    Ich kann Dir die Barocktrilogie von Stephenson unbedingt empfehlen!
    Und mit dem Otherland hast Du mein ganz persönliches kleines Paradies in Berlin entdeckt! Kleiner Tipp am Rande: in den danebenliegenden Markthallen kannst Du preiswert und ausgesprochen gut essen. Sommertags draußen sitzen, vielleicht mit einem Snack und natürlich dem Neuerwerb aus Otherland… 🙂

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  2. Ok, das muss auf meine Wunschliste! Ich schrecke ja vor dickeren Schwarten ein wenig zurück, aber die Aspekte, die du hervorhebst, zur Wissenschaft, aber auch zu den ganz menschlichen Problemen, das klingt alles hochinteressant!
    Vor einigen Jahren habe ich mal mit Quicksilver begonnen, fand es auch sehr gut geschrieben, aber nach einem Drittel ist mir dann doch die Luft ausgegangen.

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  3. @Eswashed: Wir waren in der Nähe des Otherland, weil auf dem Platz vor den Markthallen gerade Flohmarkt war. Wir haben auch wie von Dir empfohlen in den Markthallen gegessen. Geschmökert hab ich dann aber in der U-Bahn aufm Weg zum Olympiastadion 😉

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  4. @Petra: Wie schön, dass nicht nur Du mit Deinen Buchvorstellungen meinen Bücherstapel immer größer werden lässt, sondern es auch mal umgekehrt ist 😉
    Ich hab ganz vergessen zu erwähnen, dass das letzte Drittel zwar teilweise etwas langatmig geraten ist, an anderen Stellen aber richtig „huge“, wie die Amis sagen würden. Da kommt der geneigte SciFi-Fan schon auf seine Kosten.
    Auf den Barockzyklus bin ich jetzt aber dann schon gespannt…

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