Wenn Aliens uns bemerken…

In den gängigsten Sci-Fi-Universen hat die Menschheit bereits mit Aliens Kontakt aufgenommen, die Galaxis ist von den unterschiedlichsten Zivilisationen bevölkert und es geht darum, wie diese Kulturen miteinander zurechtkommen. Eine mindestens genauso interessante Frage ist aber, was passiert, wenn die Menschheit zum ersten Mal bemerkt, dass sie nicht allein ist. Ich habe in letzter Zeit zwei Werke gelesen, in denen es genau darum geht und die diese Frage durchaus unterschiedlich beantworten: Contact von Carl Sagan und The Three-Body Problem von Liu Cixin. (Vorsicht: es wird ein bisschen gespoilert!)

Sagans Roman stammt aus dem Jahr aus dem Jahr 1985 und wurde 1997 mit Jodie Foster verfilmt, die Handlung ist also sicher vielen bekannt. Eine Astronomin entdeckt eine außerirdische Botschaft, welche die Anleitung zum Bau einer Maschine enthält, von der niemand weiß, welche Funktion sie hat.

contactDer Autor Carl Sagan war zum einen Astronom und war als solcher an einer Vielzahl von Missionen beteiligt, die die Erforschung des Sonnensystems zum Ziel hatten. U. a. waren die goldenen Schallplatten an den Raumsonden Voyager 1 und 2 seine Idee. Beide Sonden sind immer noch im All unterwegs und könnten irgendwann in ferner Zukunft von Außerirdischen gefunden werden und diese würden aus den Platten einige Informationen über die Menschheit gewinnen können – aber vor allem würden sie dann wissen, dass da draußen noch jemand ist. Abgesehen davon war Sagan, der 1996 verstarb, aber auch ein herausragender Vermittler von Wissenschaft. Er moderierte z. B. die Fernsehserie Cosmos, die in den 1980ern versuchte, den Zuschauern den aktuellen Stand in vielen Wissenschaftsbereichen nahe zu bringen. (Es gibt inzwischen eine aktuelle Nachfolgeserie, die ich sehr gut fand!)

Und diesen Drang zur Wissenschaftsvermittlung merkt man dem Buch deutlich an. Es geht darum, wie Wissenschaft funktioniert. In diesem Zusammenhang wird häufig das Spannungsfeld zwischen Wissenschaft und Religion thematisiert (zur Entstehungszeit des Buches gab es heftige Diskussionen zwischen Evolutionisten und Kreationisten). Immer wieder diskutieren die Hauptfiguren des Romans mit Vertretern der Religionen, die teilweise sehr fundamentalistische Ansichten vertreten. Trotzdem wirken diese Figuren nie plump oder werden dazu benutzt, um ihre Ansichten ins Lächerliche zu ziehen. Die Diskussionen haben wirklich Gehalt und die Motive der Protagonisten wirken durchdacht und authentisch. Die Lektüre bietet hier einen echten Gewinn!

Aber es geht natürlich auch darum, wie man ein außerirdisches Signal auffangen und verfolgen kann. Mit nur einer Station geht das aufgrund der Erdrotation nicht, viele Observatorien auf der ganzen Welt müssen hierfür zusammenarbeiten und Daten austauschen, um die komplette Nachricht zu erhalten. Der Roman ist natürlich ein Kind seiner Zeit und die Konflikte zwischen Ost und West spielen eine große Rolle. Sagan malt sich aus, dass die Notwendigkeit der Zusammenarbeit – auch wenn sie schwierig ist – zu einem Abschwächen der Auseinandersetzungen führt und die Menschheit ein Wir-Gefühl entwickelt.

Der Roman ist wirklich toll und auch wenn ich den Film, der zu meinen absoluten Favoriten zählt, bereits mehrmals gesehen habe, hat sich das Lesen absolut gelohnt! Und selbst wenn man merkt, dass im Film (natürlich) einiges geändert und weggelassen wurde, erkennt man, dass die Verfilmung durchdacht und sehr gelungen ist.

Anders geht das Ganze Liu Cixin in seiner Trilogie The Three-Body Problem an, mit der er viel Aufsehen erregte. Der 2008 veröffentlichte erste Teil wurde zum Bestseller, die 2014 erschienene englische Übersetzung gewann den Hugo-Award als bester Roman und war als bester Roman für den Nebula-Award nominiert. Außerdem soll es 2015 einen Film geben. Worum geht’s also bei all dem Rummel?

thethreebodyproblemDie Story beginnt während der kulturellen Revolution der 1960er und 1970er Jahre in China. Als europäischer Leser wirkte die Kulisse auf mich sehr fremd und die Geschehnisse einigermaßen absurd, wenn Professoren hingerichtet werden, weil sie eine „antikommunistische“ Physik vertreten. (Die deutsche Geschichte ist natürlich auch voll von Absurditäten; nicht dass wir uns falsch verstehen!) In dieser Zeit hält sich die Story aber nicht allzu lange auf und wird in verschiedenen Handlungssträngen über zwei darauffolgende Generationen verfolgt.

Man erfährt, dass Naturwissenschaftler, die mit einer chinesischen Organisation namens Frontier of Science zu tun haben, reihenweise Selbstmord begehen. Die Physik scheint am Ende zu sein. Die Ergebnisse von Experimenten ergeben überhaupt keinen Sinn mehr, sie fallen mal so und mal so aus. Das Universum scheint nicht mehr Gesetzen oder auch nur Wahrscheinlichkeiten zu folgen, sondern es wirkt willkürlich. Und das treibt die Physiker in den Wahnsinn.

Und was hat das alles mit einem merkwürdigen Virtual-Reality-Spiel namens Three Body zu tun, das in einer Welt spielt, die ebenfalls keine Regeln zu kennen scheint? (Der Name des Spiels kommt von dem mathematischen Drei-Körper-Problem, bei dem es darum geht, die Bewegung von drei Körpern vorherzusagen, die sich aufgrund ihrer Gravitation gegenseitig anziehen.)

Selbst wenn man schon relativ weit mit dem Lesen des Buches fortgeschritten ist, fragt man sich zudem ständig, wo denn jetzt diese Alien-Invasion herkommen soll, von der im Klappentext die Rede ist… Die kommt auf überraschende und origenelle Weise ins Spiel, ich will hier aber nicht zu viel vorwegnehmen. Nur so viel: Nach dem ersten Kontakt verhalten sich die Außerirdischen nicht so freundlich, wie man vielleicht meinen sollte.

Der erste Teil der Reihe ist ein unkonventionelles Stück Science-Fiction, das auf mich als europäischen Leser außerdem angenehm exotisch wirkt! (Um den Kulturschock abzumildern, hat der Übersetzer aber netterweise immer wieder Fußnoten mit Erklärungen eingefügt.) Ich fand die Geschichte wirklich spannend, es gibt aber auch durchaus Leute, die sich an einigen Ungereimtheiten im Roman stören, die wohl tatsächlich vorhanden sind. Ich habe nichtsdestotrotz bereits den Nachfolger The Dark Forest gelesen, der sich meines Erachtens noch flüssiger liest und spannender ist.

thedarkforestAufgrund der riesigen Entfernungen im Universum, die eine lange Zeit zum Überbrücken benötigen, erstreckt sich dieser Roman über zwei Jahrhunderte, in denen sich die menschliche Zivilisation verändert und mit mehreren Umwälzungen zurechtkommen muss. Sie muss sich der Herausforderung stellen, einer totalen Überwachung zu entgehen, die alle strategischen Winkelzüge sofort durchschauen würde (und wie das zumindest versucht wird, ist wirklich interessant). Kann es der Menschheit helfen, sich über eine kosmische Soziologie anhand weniger Vorüberlegungen Gedanken zu machen? Wie müssen sich Zivilisationen untereinander verhalten, die kaum etwas über einander wissen können? Spielen dabei darwinistische oder noch eher malthusische Gesichtspunkte eine Rolle? Die auftauchenden Probleme und ihre Lösungen überraschen immer wieder!

Die englische Übersetzung des letzten Teils Death’s End soll im April 2016 erscheinen, auf die ich mich bereits jetzt freue. Eine deutsche Übersetzung des ersten Teils ist in Planung, soll bei Heyne erscheinen und näher am Original sein als die englische Übersetzung! Die Reihe hätte eine gute Übersetzung definitiv verdient.

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2 Kommentare

  1. Zu Contact von Carl Sagan kann ich Dir nur Recht geben, man sollte es auf jeden Fall lesen, auch wenn man den Film schon kennt (lohnt in der Reihenfolge eigentlich immer, oder?). Sagan war zwar kein begnadeter Schriftsteller, dafür aber ein guter Denker!

    Vom Three Body Problem habe ich jetzt schon von verschiedenen Seiten gehört, daß es wirklich gut sein soll, allein auf die Übersetzung muss ich wohl warten… grummel!

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  2. Stimmt schon, man merkt Sagans Buch an, dass er kein routinierter Fiction-Autor war. Aber Contact ist trotzdem absolut gelungen! Zwecks 3 Body Problem: man kann nur hoffen, dass die Übersetzung schnell vorangeht. Bin sehr gespannt, wie sich das Buch im deutschsprachigen Raum verkauft…

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