Eine Geschichte des Kreationismus

Kreationisten glauben, dass in der ein oder anderen Form die Schöpfungsgeschichte wahr ist. Da sie aber Schöpfung und Evolution nicht vereinbaren können, lehnen sie den Darwinismus ab und kämpfen häufig dafür, dass Evolution aus dem Unterricht verbannt wird. Ich persönlich halte das für absurd und kann es nicht nachvollziehen. Der Wissenschaftshistoriker Ronald L. Numbers hat mit The Creationists – From Scientific Creationism to Intelligent Design ein Buch vorgelegt, das die Geschichte des Kreationismus erläutert und mir vielleicht weiterhilft, seine Protagonisten besser zu verstehen.

thecreationistsNumbers Buch erschien erstmals 1992 und wurde 2006 in einer erweiterten Fassung erneut herausgegeben, welche ich hier bespreche. Es beginnt mit der Situation nach Erscheinen von Darwins On the Origin of Species im Jahr 1859. Darwins Evolutionstheorie überzeugte sehr schnell die meisten Personen der wissenschaftlichen Welt. Wie der Independent 1879 feststellte, gab es damals keine drei renommierten Naturwissenschaftler, die keine Evolutionisten waren, im Jahr 1930 war der einzige Biologe mit anti-evolutionären Ansichten der in Erlangen tätige Albert Fleischmann.

Nichtsdestotrotz kam es nach dem Ersten Weltkrieg zu Beginn der 1920er Jahre zur „Antievolution Crusade“. Amerikanische Christen versuchten – erfolglos – den Unterricht in Evolutionslehre zu unterbinden, weil sie im Darwinismus eine Ursache für die Brutalität des Krieges sahen, oder wie es ein Presbyterianer ausdrückte: „The same science that manufactured poisonous gases to suffocate soldiers is preaching that man has a brute ancestry and eliminating the miraculous and the supernatural from the Bible“ (S. 56).

Im Laufe der Zeit wurden immer wieder Vereine zur Förderung des Kreationismus gegründet wie die Religion and Science Association (RSA) oder die Deluge Geology Society (DGS), von denen die meisten allerdings ein eher kurzes Leben hatten. Dies lag unter anderem daran, dass die Fundamentalisten sich einfach nicht darüber einig werden konnten, welche Interpretation des Kreationismus denn nun richtig war. Ist die Genesis mit ihrer sechstägigen Schöpfung wirklich wörtlich zu nehmen oder entsprechen die sechs Tage eher geologischen oder gar kosmischen Zeitaltern? Oder gab es vor der Erschaffung von Adam und Eva eine lange Zeit, während der die Fossilien entstanden und die aber nicht in der Bibel beschrieben ist? Wie alt ist die Erde wirklich? Einem Mitglied der RSA machte diese Uneinigkeit durchaus zu schaffen: „A swell gang we are, (…) trying to fight evolution when we can agree on nothing among ourselves except that evolution is wrong“ (S. 132).

Rettete die Arche Noah alle Tierarten während der Sintflut? Und lagerten sich während der Sintflut alle Fossilien ab? (Noahs Arche, Ölgemälde von Edward Hicks, 1846, Philadelphia Museum of Art; Bild: Public Domain)

Nichtsdestotrotz versuchten die Kreationisten den regulären Wissenschaftsbetrieb zu imitieren. Die Gesellschaften gaben Journale heraus, in denen Artikel veröffentlicht wurden, die sich mit dem Spannungsfeld Kreationismus/Evolution beschäftigten. Vor der Publikation wurden die Beiträge sogar von Kollegen geprüft und einige durchaus abgelehnt. Darüberhinaus wurden internationale Kongresse abgehalten, an denen mitunter sogar Evolutionisten teilnahmen, mit denen diskutiert wurde. Im Verlaufe des Buches wird aber auch klar, warum Kreationismus immer nur ein Imitat von Wissenschaft sein kann: Beim Kreationismus steht ganz am Anfang bereits fest, was am Ende einer Untersuchung herauskommen wird. Der Kreationist Frank Marsh drückte es folgendermaßen aus: Special Revelation takes precedence over natural revelation because natural science can be correct only when in harmony with special Revelation“ (S. 323). Aber dann kann man sich eben die Naturwissenschaft gleich sparen…

Um ihren Anteil an Wissenschaftlern und vor allem Geologen zu erhöhen, sponsorte eine kreationistische Vereinigung namens Geoscience Research Insitute (GRI) drei Männer, um an Universitäten Erfahrungen in den Geowissenschaften zu sammeln. Zwei von dreien überdachten dadurch ihre Ansichten und rückten vom Kreationismus und vor allem von der Vorstellung einer jungen Erde ab. Einer davon, P. Edgar Hare, promovierte sogar in den 1950er Jahren in Geochemie und etablierte eine neue Datierungsmethode, die auf der Untersuchung von Aminosäuren in alten Muschelschalen basierte, wofür er auch von den Siebenten-Tags-Adventisten finanziell unterstützt wurde. Blöderweise bestätigten die Ergebnisse der alternativen Methode die vorherigen Datierungen, welche der Erde ein sehr hohes Alter zugestehen. Hare teilte seiner Kirche mit, dass seiner Meinung nach die Beweise für eine alte Erde ebenso eindeutig seien wie die für ihre Kugelgestalt.

Als die kreationistischen Vereinigungen versuchten, wissenschaftlicher zu werden, gab es ab den 1970ern auch einen deutlichen Strategiewechsel in Bezug auf den Unterricht von Evolution. Man versuchte nicht mehr, Evolution als unwissenschaftlich darzustellen und komplett aus dem Unterricht zu verbannen. Vielmehr stellte man den Kreationismus als ebenso wissenschaftlich hin wie die Evolutionstheorie. Und beide Modelle sollten doch bitte den Schülern präsentiert werden, um sie zum kritischen Denken zu animieren. Da rein gar nichts für den Kreationismus spricht, wollte man den Schülern wohl eher eine „Alles ist möglich“-Mentalität vermitteln. Oder eben einfach nur ein Bein in die Klassenzimmertür bekommen…

Ja genau, Kreationisten glauben, dass Dinos und Menschen zeitgleich lebten (Bild: Public Domain; aus dem Creation Museum in Kentucky).

Passend dazu entwickelte sich in den 1990er Jahren die Bewegung des Intelligent Design (ID), die Numbers in seine erweiterte Ausgabe mit ins Buch aufgenommen hat. Vertreter des ID erwähnen im Grunde nie Gott als Schöpfer oder Designer. Sie suchen in der Biologie nach Strukturen oder Prozessen, die nicht ohne intelligentes Design auskommen. Eine natürliche Erklärung für das Design bleiben sie allerdings schuldig. Und dass ID nichts anderes als Kreationismus ist, macht folgendes Zitat aus einem Standardwerk des ID, Of Pandas and People, klar: „Intelligent Design means that various forms of life began abruptly through an intelligent agency with their distinctive features already intact (…)“ (S. 392). Mit diesem Designer sind natürlich keine Außerirdischen gemeint, es ist einfach nur eine clevere Art, nicht „Gott“ sagen zu müssen. 2005 stellte ein amerikanisches Gericht dann auch fest, dass ID kein wissenschaftliches Koonzept sei und nicht als Alternative zur Evolution gelehrt werden dürfte, da es gegen die amerikanische Verfassung verstoße, in der die Trennung von Kirche und Staat festgeschrieben ist.

Im letzten Kapitel schließlich geht Numbers auf die Ausbreitung des Kreationismus in der ganzen Welt ein. Er erläutert, dass der Kreationismus im Vereinigten Königreich weniger fundamentalistisch ist als in Amerika und dass die meisten Vertreter einer jungen Erde sich in Westeuropa finden (das unrühmliche deutsche Beispiel von Wort und Wissen [hier gibt es bewusst keinen Link] wird auch erwähnt). Nach dem Mauerfall überschwemmenten Kreationisten mit ihren Werken Osteuropa, wo es keine gemäßigten Kirchen gab um dem entgegenzuwirken. Man erfährt, dass in der Türkei keine Evolution mehr in Schulen gelehrt wird und dass „in effect (…) Malaysian school science is a creationist science“ (S. 427). Auch der Kreationismus im Judentum und der islamischen Welt wird kurz erwähnt. Numbers Fazit unter der Überschrift Creationism Floods the Earth fällt entsprechend enttäuschend aus: „Contrary to almost all expectations, geographical, theological, and political barriers had utterly failed to contain creationism“ (S. 431).

Numbers legt in seinem Buch den Fokus nicht auf kreationistische Entwicklungen in den Kirchen oder der amerikanischen Gesellschaft allgemein, sondern vor allem auf jene Formen des Kreationismus, die sich organisieren und sich einen wissenschaftlichen Anstrich geben. Man erfährt nur wenig über die ganzen Gerichtsprozesse, mit denen Kreationisten die USA überzogen haben. Oder über die Museen, die Kreationisten gegründet haben. Und es ist ein Buch, das zum größten Teil die Situation in den USA beleuchtet. Das Kapitel Creationism Goes Global hätte wegen mir gerne doppelt so lang sein dürfen! Darüberhinaus hätte ich nichts dagegen gehabt, wenn es weniger detailliert wäre und deutlicher größere Zusammenhänge und Strömungen innerhalb des Kreationismus heraustellen würde.

Aber The Creationists war trotzdem sehr interessant. Numbers ist ein angenehm distanzierter und fairer Erzähler, der seine präzise Geschichte des „wissenschaftlichen“ Kreationismus mit einer Fülle von Belegen untermauern kann. Und was nehme ich aus der Lektüre mit? Zum einen, dass der Kreationismus kein monolithischer Block ist, sondern aus verschiedenen Strömungen besteht, die von kontrovers diskutierenden Persönlichkeiten propagiert werden. Und zum anderen, dass die Motivation, die hinter dem Kreationismus steht, entgegen vieler Behauptungen nie wissenschaftlicher, sondern immer religiöser Art ist.

 

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6 Kommentare

  1. Wenn ich über Kreationismus nachdenke, dann drängt sich mir immer die Frage auf, welchen Zweck diese Leute verfolgen, die mit viel Kraftaufwnad ihre Theorie zu untermauern versuchen. Was wollen sie bewirken? Eine allgemeine Verdummung, ein Stopp der Wissenschaften? Und vor allem, was haben sie davon?

    Schöne Buchvorstellung!

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  2. Sehr guter Beitrag! Schade, dass der Schwerpunkt des Buches auf den USA liegt. Mich würde auch eher interessieren, was für unterschiedliche Strömungen es im Rest der Welt gibt. Aber das Buch ist sicher gut geeignet, um sich einen Einblick in die Denkweise der Kreationisten zu verschaffen. Vor allem die pseudowissenschaftliche Ausprägung finde ich interessant, da ja viele wissenschaftliche Beweise geleugnet werden oder man versucht, sie zu widerlegen. Mit solchen Argumenten schlägt sich auch Richard Dawkins in seinen Büchern herum, in denen er sich immer wieder gegen die Kreationisten ereifert.

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  3. @Emswashed: ich glaube nicht, dass für viele Kreationisten Wissenschaft an sich ein Problem ist. Die wenigsten davon wettern gegen Relativitätstheorie oder Meteorologie. Aber die Unfehlbarkeit der Bibel in Frage zu stellen, geht anscheinend für viele zu weit. Wenn die Bibel bei der Schöpfungsgeschichte falsch liegt, dann möglicherweise auch an anderen Stellen, auf denen manche Menschen ihre Moral- und Wertvorstellungen aufgebaut haben. Und das ist wohl beängstigend (abgesehen davon, dass ich mir schwer vorstellen kann, sowas auf Grundlage der Bibel zu tun).

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