Die Lange Erde Reihe – Pratchett/Baxter

Was wäre, wenn die Menschheit unendlich viel Platz hätte? Unendlich viele Ressourcen? Und all das wäre nur einen Schritt entfernt. Das ist die Grundlage, auf der die beiden Autoren Terry Pratchett und Stephen Baxter ihre Buchreihe Die Lange Erde aufbauen. (Ich glaube, dass ich in diesem Beitrag nicht viel vorwegnehme, das nicht auch im Klappentext des ersten Buches zu finden ist – aber keine Garantie!)

dielangeerde

Bücher der Langen Erde-Reihe. Der erste Teil fehlt, weil ich ihn derzeit verliehen habe.

Der erste, namensgebende Teil der Reihe wurde 2012 veröffentlicht. Ein unbekanntes Genie stellt Bauanleitungen für Stepper-Boxen ins Internet. Diese Boxen kann jeder selbst herstellen, den Strom liefert eine Kartoffel. Legt man einen Schalter in eine bestimmte Richtung um, wechselt man auf eine andere Erde. Geographisch ist man quasi noch am selben Platz, aber diese Erde ist menschenleer, da sich der moderne Mensch hier nie entwickelt hat. Und auch von dieser Erde kann man einen weiteren Schritt tun, immer weiter von der sog. „Datum-Erde“ weg. Man kann von der Datum-Erde in zwei Richtungen gehen, die willkürlich Ost und West genannt werden. Interessanterweise gehen Amerikaner eher in Richtung Westen und Asiaten in Richtung Osten…

Und je weiter man sich in die Parallelwelten vorwagt, desto mehr bemerkt man, dass sich diese Parallelwelten doch etwas von der Datum-Erde unterscheiden. Die Geographie ist etwas anders, bestimmte Tiere gibt es nicht oder es gibt Tiere, die sich auf der Erde nie entwickelt haben. Und all das steht den Menschen zur Verfügung, ist nur einen Schritt entfernt. Das einzige, das die Menschen nicht mitnehmen können, sind Dinge aus Eisen, das nicht mitwechseln kann.

Die Menschen müssen also in den neuen Welt mehr oder weniger von vorn beginnen. Keine Schaufeln, keine Waffen, keine Munition. Es beginnt eine Kolonialisierungswelle, die an die Pionierzeit des 19. Jahrhunderts erinnert. Und ganz vorne mit dabei ist Joshua Valienté, der mit einer Form der künstlichen Intelligenz namens Lobsang allen vorauseilt und die Lange Erde, die unendliche (?) Abfolge von Welten, erforscht.

Pratchett und Baxter nutzen die Lange Erde als Spielplatz, auf dem sie unglaublich vielen Ideen Raum geben können. Auf den vielen Erden ist so gut wie alles möglich. Und was unmöglich erscheint, passiert auf den „Jokern“, Ausreißern im Verlauf der Langen Erde, auf denen in der Vergangenheit möglicherweise etwas ein klein wenig anders abgelaufen ist als auf den Nachbarerden, das aber vermutlich große Aufwirkungen auf Klima oder Evolution hatte.

Die Lange Erde-Reihe greift sehr viele Fragen auf. Was bedeutet es, unendlich viele Ressourcen zur Verfügung zu haben? Wem gehört das Land der Langen Erde? Wie besteuert man Bürger, die einfach in die Lange Erde wechseln? Kann man in der Lange Erde Krieg führen? Und wenn ja, um was? Wenn man zu anderen Planeten wie dem Mars reisen könnte, würde es auch einen Langen Mars geben und ist diese Abfolge mit der Langen Erde verbunden?

Dem Autorenduo macht es merklich Spaß, ihrer Fantasie freien Lauf zu lassen. Und dank Pratchett kommt auch der Humor nicht zu kurz! Die künstliche Intelligenz Lobsang behauptet zum Beispiel von sich, die Reinkarnation eines tibetischen Motorradmechanikers zu sein…

Ich weiß gar nicht, welchem Genre die Reihe genau zuzuordnen ist. Wahrscheinlich irgendetwas zwischen Science-Fiction und Fantasy. Ist aber auch egal. Es macht auf jeden Fall große Freude, es zu lesen. Den ersten Teil habe ich noch auf Deutsch gelesen, weil die Übersetzungen aber immer recht lange auf sich warten lassen, bin ich danach auf die Originalausgaben umgestiegen.

Meiner Meinung nach ist der zweite Teil der Reihe, The Long War oder Der lange Krieg, der bisher schwächste Teil. Mit The Long Mars, dessen deutsche Übersetzung im Oktober erscheint, ging es aber wieder steil bergauf und The Long Utopia, das ich eben zu Ende gelesen habe und für dessen Übersetzung es meines Wissens noch keinen Erscheinungstermin gibt, ist eine sehr gelungene Fortsetzung, in der wieder richtig groß gedacht wird und es im wahrsten Sinne des Wortes um weltbewegende Ereignisse geht.

Leider ist einer der beiden Autoren, Terry Pratchett, Anfang diesen Jahres gestorben. Die Reihe ist eigentlich auf fünf Bücher ausgelegt und ich vermute, dass Stephen Baxter sie alleine zu Ende führen wird. Auf Wikipedia wird vermutet, dass der letzten Teil Juni 2016 erscheinen wird. Sollte es soweit sein, werde ich ihn sicher zügig lesen!

Ein Comic von xkcd im Gedenken an Terry Pratchett, dessen Bücher einen immer wieder dazu bringen, über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen! (Bild: xkcd, Creative Commons Attribution-NonCommercial 2.5 License).

PS. In Zukunft wird’s ein paar mehr Beiträge zu Romanen geben, einfach weil ich zur Zeit Lust darauf habe!

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5 Kommentare

  1. Bravo! Mein Kenntnissstand endete beim langen Mars, jetzt darf ich mich auf noch zwei Bücher freuen. Ich muss allerdings auf die Übersetzungen warten, oder auf ein Wunder meines Sprachtalents hoffen.
    Es gab ja auch sehr kritische Stimmen zu dieser Reihe (zumindest die ersten 2 Bücher), aber ich bin doch zu sehr Pratchett-Fan, um sie zu erhören.

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  2. @Emswashed: Die „sehr kritische(n) Stimmen“ kenne ich jetzt nicht. Kann es sein, dass die von Scheibenwelt-Fans kommen? „Die Lange Erde“ ist da schon ganz anders. Für mich zum Glück, ich bin nämlich kein großer Anhänger der Scheibenwelt (*duck*). Aber egal, wer die Bücher nicht mag, ich halte sie für großartige Unterhaltung! 🙂 Viel Spaß auf jeden Fall mit dem langen Mars, erscheint ja wie gesagt bereits im Oktober auf deutsch!

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  3. Das kann gut möglich sein, aber ich bin der perfekte Beweis dafür, dass man ALLES von Pratchett lieben kann! Er hat sich immer etwas dabei gedacht, auch wenn Passagen langatmig oder trivial erscheinen.
    Viel Spaß werde ich haben, vielen Dank!

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  4. Ich bin auf deine Seite gefunden, weil ich wissen wollte, ob das „Lange Utopia“ posthum veröffentlicht werden wird. Es freut mich sehr zu hören, dass es bereits in der Originalversion vorliegt.
    Der „Lange Krieg“ war wirklich schlecht und ich bin froh, dass der „Lange Mars“ wirklich wieder eine gelungene Geschichte ist. Gerade bin ich beim Ende angelangt und bin nun sehr auf die Fortsetzung gespannt!
    LG
    Sabiene

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  5. @Sabienes Shelm: Schön, dass Du hergefunden hast! Ich fand Long Utopia wirklich gut und wünsch Dir viel Spaß damit, wenn’s denn endlich übersetzt vorliegt…

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