Tatort Himmelsscheibe – Thomas Schöne

Die 3.600 Jahre alte Himmelsscheibe von Nebra ist die älteste astronomische Darstellung der Welt. Sie wurde von Menschen hergestellt, die während der Bronzezeit in der Region des heutigen Sachsen-Anhalts lebten, und von denen wir nur wenig wissen. Die Scheibe ist im Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle ausgestellt. Bis sie dort hin kam, hatte sie allerdings einen langen Weg über Raubgräber und Hehler, Archäologen und Kriminalbeamte hinter sich. Diese Geschichte erzählt Thomas Schöne in seinem Buch Tatort Himmelsscheibe.

tatorthimmelsscheibeNach der Wende waren die neuen Bundesländer ein wahres Schlaraffenland für Raubgräber, die altertümliche Funde zu Geld machen wollten. Die Archäologen der ehemaligen DDR hatten viele Fundstätten kartographiert und publiziert, aber nicht komplett untersucht. 1999 entdeckten zwei solche Raubgräber auf dem Mittelberg in der Nähe von Nebra in Sachsen-Anhalt u.a. die Himmelsscheibe von Nebra, wie sie später genannt werden sollte. Und dieser Fundort war ein Problem, weil in Sachsen-Anhalt das sogenannte Schatzregal gilt. Das bedeutet, dass der Fund dem Bundesland gehört und nicht wie z. B. in Bayern je zur Hälfte dem Finder und dem Eigentümer des Grundstücks. Also durfte der Fund nur unter der Hand auf dem „grauen Markt“ angeboten werden.

Die Himmelsscheibe von Nebra. (Bild: Dbachmann; CC BY-SA 3.0).

Tatsächlich wurden die beiden Finder die Scheibe für 230.000 DM los. Die Käufer wiederum wollten die Scheibe mit Gewinn weiterverkaufen, wovon der Landesarchäologe von Sachsen-Anhalt, Harald Meller, Wind bekam. Meller schaffte es mit den Hehlern Kontakt aufzunehmen und täuschte vor, dass sein Museum die Scheibe über eine Stiftung kaufen wollte. Das Land selbst konnte das Stück nicht erwerben, da es ja sowieso der eigentliche Eigentümer der Scheibe war. Damit hätte man das Ganze legalisiert. Die Verkäufer nahmen Meller die Finte ab und präsentierten ihm die Scheibe 2002 in einem Baseler Hotel, da sie sich in der Schweiz sicher fühlten.

Dort passierte der Zugriff, die beiden Hehler wurden verhaftet und die Scheibe sichergestellt. Für Finder und Hehler gab es jeweils Bewährungsstrafen mit Sozialstunden bzw. Geldstrafen. Die Scheibe ist inzwischen ausgestellt und der Fundort in der Nähe von Nebra als Touristenattraktion ausgebaut. Die Kriminalgeschichte der Scheibe beschreibt Schöne in allen Details. Das Buch besteht im Wesentlichen aus Zitaten der beteiligten Personen, aus den Gerichtsverfahren oder aus Gedächtnisprotokollen von geheimen Treffen der Beteiligten. Ab und an würde man sich vom Autor mehr Einordnung in den Kontext wünschen.

Die „Arche Nebra“, die in der Nähe des Fundorts gebaut wurde (Bild: Holzer Kobler Architekturen; CC BY-SA 3.0).

Zu kurz kommt meiner Meinung nach auch die Scheibe selbst. Das Nötigste erfährt man aber doch. Die Scheibe, die ihre grüne Farbe vermutlich der Oxidation zu verdanken hat und früher deutlich dunkler und kontrastreicher war, stellt – wie jedes Kind sehen kann – Sonne, Mond und Sterne dar (wobei die „Sonne“ auch der Vollmond sein könnte). Die Scheibe wurde mehrmals umgearbeitet. Wahrscheinlich waren zunächst nur die Sterne, der sichelförmige Mond und die Sonne (oder der Vollmond) auf der Scheibe. Später kamen die seitlichen Bögen, von denen einer verloren ging, und noch später die gerillte „Himmelsbarke“ hinzu.

Gängige Interpretationen sehen in der Scheibe verschlüsseltes Wissen, durch das man anhand der gezeigten Konstellation des Sternhaufens der Plejaden (die sieben Sterne jeweils schräg über Sonne und Mond) den Beginn des bäuerlichen Jahres feststellen, das Sonnen- mit dem Mondjahr in Einklang bringen und/oder die Sonnenwenden bestimmen kann. Letzteres ist hier recht schön erklärt. Die Scheibe ist absolut außergewöhnlich, da die Zeit auf welche die Scheibe datiert wurde, als eher bilderfeindlich gilt. Wir wissen nun aber, dass unsere Vorfahren bereits vor langer Zeit den Himmel ausführlich studiert und dieses Wissen anscheinend in Form einer derartigen Scheibe weitergegeben haben (Schrift war damals unbekannt).

Die Scheibe hat im Museum für Vorgeschichte in Halle an der Saale eine Heimat gefunden, wo ich sie mir letzte Woche angesehen habe (und auch das Buch gekauft habe). Einen Besuch dort kann ich nur empfehlen, das Museum ist mit 5 EURO recht günstig (ich war auf der Rückreise von Berlin – die dortigen Inselmuseen sind deutlich teurer) und toll aufgemacht. Die Arche Nebra in der Nähe des Fundorts der Scheibe habe ich leider nicht besucht, weil dafür keine Zeit war. Ich bin mir aber sehr sicher, dass ich das noch nachholen werde!

Tatort Himmelsscheibe kann ich nicht uneingeschränkt empfehlen. Ich hatte schon mehr Archäologie erwartet. Hauptsächlich besteht das Buch aus dem Wiedergeben von Zitaten, welche die Kriminalgeschichte voranbringen. Diese ist aber definitiv spannend und gibt einen Einblick in eine Szene, die Unsummen für antike Gegenstände ausgibt und sie so der Wissenschaft und dem Rest der Gesellschaft für immer entreißt. Es wäre wirklich ein Jammer gewesen, würde die Scheibe in irgendeiner privaten Vitrine oder einem Safe verstauben – hat sie doch unser Bild der damaligen Bronzezeit revolutioniert!

 

 

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