Die Neandertaler und wir – Svante Pääbo

Wie unterscheiden sich moderne Menschen von ihren ausgestorbenen Verwandten? Sind wir für die Beantwortung dieser Frage ausschließlich auf das Interpretieren von Skelettresten, verlassenen Feuerstellen und Gräbern angewiesen oder gibt es auch unmittelbare Methoden, die empirisch klar machen, wie die Menschheitsgeschichte ablief? Das sind Fragen, die Svante Pääbo, den Begründer der Paläogenetik, umtreiben. Er geht sie mit Methoden der Molekularbiologie an und entlockt so urzeitlichen Knochen ihre Geheimnisse.

neandertalerundwirPääbo ist inzwischen Leiter des Max-Planck-Insituts für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig. Doch ursprünglich studierte er in Schweden Ägyptologie. Nachdem er erkannt hatte, dass die Altertumswissenschaften doch nichts für ihn sind, wurde er Mediziner, verlor aber nie das Interesse an seiner ursprünglichen Leidenschaft, die er mit seinen laborbiologischen Methoden voranbringen wollte. Tatsächlich gelang es ihm Mitte der 1980er quasi nebenbei, ohne Wissen seines damaligen Chefs, als erster DNA aus Mumien zu isolieren und auch zu analysieren, was nur wenige damals für möglich hielten, weil man dachte, dass DNA keine langen Zeiträume übersteht (tatsächlich besteht alte DNA so gut wie ausschließlich aus sehr kurzen Fragmenten).

In seinem Buch Die Neandertaler und wir – Meine Suche nach den Urzeit-Genen beschreibt Pääbo, wie seine Karriere weiterging und welche Entdeckungen auf ihn warteten. Ein großes Problem bei der Untersuchung alter DNA waren Verunreinigungen mit moderner DNA. Wie er mit seinen Mitarbeitern herausfand, entstammt die DNA alter Knochen nur zu wenigen Prozent dem Individuum, zu dem der Knochen gehörte. Der Rest kommt von Bakterien, die sich während des Verwesungsprozess dort vermehrt hatten, oder von Menschen, die damit in Berührung kamen. Pääbo schildert unter anderem, dass ein Kurator in seinem Beisein an einem Knochen leckte, um herauszufinden, wie und ob er speziell haltbar gemacht wurde!

Skelett eines Neandertalers (Bild: Claire Houck, CC BY-SA 2.0).

Aber es war nahezu unmöglich herauszufinden, welche DNA, die aus alten menschlichen Knochen kam, tatsächlich alt und welche modern war. Ganz abgesehen davon, dass DNA beiderlei Herkunft sich sehr ähnlich ist. Irgendwann kam Pääbo die Idee, die DNA von Neandertalern zu untersuchen. Neandertaler zählen zu den engsten Verwandten des modernen Menschen, deren Linie sich irgendwann vor einer Million bis 270.000 Jahren von unserer Linie trennte. Ihre DNA sollte zu unserer verschieden genug sein, um die beiden zu unterscheiden. Und außerdem würde die Analyse dieser Unterschiede womöglich preisgeben, warum sich die modernen Menschen durchsetzten und den ganzen Planeten bevölkerten, während die Neandertaler eine eurasische Erscheinung blieben und vor etwa 30.000 Jahren ausstarben.

Pääbo erzählt mit Begeisterung und Mut zu Details, welche technischen, organisatorischen und politischen Hindernisse ihm und seiner Gruppe im Weg standen. Wie sie versuchten, das Problem der modernen Kontaminationen in den Griff zu kriegen oder an genug Knochenmaterial für DNA-Extrakte zu kommen. Das Buch vermittelt einen guten Eindruck, wie Forschung in den Labors dieser Welt abläuft. Es ist oft überraschend ehrlich und konkret, wenn es darum geht, welche Zusammenarbeiten mit welchen Personen gut liefen und welche irgendwann keinen Sinn mehr machten. Der Druck, in möglichst prestigeträchtigen Fachzeitschriften zu veröffentlichen und in Konkurrenzsituation der erste sein zu müssen, ist oft Thema. Zudem werden die Beiträge – und Charaktereigenschaften – der einzelnen Wissenschaftler dezidiert erwähnt. Man kommt sich ein bisschen vor wie ein Voyeur, aber man folgt Pääbo gerne auf dem Weg durch seine Karriere.

Verbreitung des Neandertalers mit Fundstätten (Bild: Maximilian Dörrbecker; CC BY-SA 2.5).

Schließlich gelingt Pääbo auch sein Meisterstück. Das komplette Neandertaler-Genom wird 2010 veröffentlicht. Es belegt, dass Neandertaler sich mit modernen Menschen paarten, nachdem diese aus Afrika in den Nahen Osten eingewandert waren. Und diese Kreuzungen hatten genetisch Bestand: Noch immer finden sich DNA-Sequenzen in den Nachfahren, die aus diesen Kreuzungen hervorgingen – aber nicht in Menschen afrikanischer Herkunft wie den San. Ob diese Neandertaler-DNA diesen Nachfahren Vorteile verschafft hat, ist noch nicht klar. Aber ein Teil dieser DNA ist für Moleküle verantwortlich, die wichtig für das Immunsystem sind. Möglicherweise waren diese Sequenzen der Neandertaler, die bereits deutlich länger in den eurasischen Breiten lebten als die eingewanderten modernen Menschen, an bestimmte, dort vorkommende Krankheiten angepasst, die den aus Afrika stammenden Menschen Vorteile brachten.

Pääbos beschwerlicher Weg führte zur Etablierung etlicher Methoden im Umgang mit alter DNA, die inzwischen Standard in vielen Forensik-Labors und Museen sind. Seine Arbeit hat uns etliche neue Erkenntnisse beschert, wie jene, dass sich vermutlich auch Neandertaler genetisch nur wenig voneinander unterschieden –  genau so wie moderne Menschen, aber im deutlichen Gegensatz zu den nächst verwandten Menschenaffen. Wahrscheinlich gingen die Neandertaler ebenso wie moderne Menschen aus einer kleinen Population hervor.

Die Neandertaler und wir beschreibt die Entwicklung eines ganz neuen Wissenschaftszweiges, der Paläogenetik, aus Sicht seines wichtigsten Protagonisten. Für Nicht-Biologen mag es an manchen Stellen deutlich zu technisch sein, aber das Lesen lohnt sich. Man erhält einen seltenen und klaren Einblick, wie Wissenschaft funktioniert. Wer allerdings erfahren will, worin die genetische Grundlage für den Erfolg des modernen Menschen und das Verschwinden des Neandertalers besteht, wird enttäuscht werden. Das versucht Svante Pääbo noch herauszufinden. Aber vielleicht schreibt er ja nochmal ein Buch, wenn er es weiß. Ich würde es lesen!

 

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10 Kommentare

  1. Ich denke schon länger darüber nach, mir diese Buch zuzulegen, war aber immer recht unentschlossen, ob es etwas für mich ist. Nach Deiner feinen Buchbesprechung fällt mir die Entscheidung doch leichter und das Buch wandert auf meine Wunschliste. Danke.

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  2. Also mir hat es auf jeden Fall Spaß gemacht. Einen derart guten Einblick in den Laboralltag und in spannende Forschung bekommt man nur selten!

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  3. Einen interessanten Einblick in Forschungsmethoden und -ergebnisse hast Du geschrieben. Und sehr schön die Anekdote mit der problematischen Datenlage: Am Knochen lecken, als sozusagen erste wissenschaftliche Methode, um das Objekt einschätzen zu können – und dann auch noch DNA-Untersuchungen machen wollen: da wird es tatsächlich komische Ergebnisse geben :-).
    Viele Grüße, Claudia

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  4. Ja, die Geschichte mit dem Knochenabschlecken ist echt schockierend. Pääbo beschreibt sein Entsetzen auch ziemlich anschaulich 🙂 Ich war auch verwundert, wie mit den Knochen teilweise umgegangen wird. Die ersten Proben von Mumien, mit denen Pääbo gearbeitet hat, bekam er aus einem Museum der ehemaligen DDR. Er war zwar vor Ort, um mit dem Kurator etc zu sprechen, aber er hatte keinen genehmigten Forschungsantrag oder so dabei. Trotzdem hat er Proben von der Mumie bekommen … ich dachte ehrlich gesagt immer, dass die Teile wie Heiligtümer gehütet werden. Aber offensichtlich können Kuratoren darüber recht eigenmächtig verfügen.

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  5. Da mein Mann behauptet, die Nähe meiner Geburtstätte zum Neandertal würde man mir noch ziemlich gut anmerken, könnte ich vielleicht meine Familiengeschichte mit diesem Buch etwas aufwerten!? 🙂 Klingt auf jeden Fall sehr interessant.

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  6. @Emswashed: Wenn das so ist, dann bist Du die absolute Ausnahme 😉 Pääbo erzählt, dass er häufiger Post bekommt, in denen Männer fragen, ob es sein könnte, dass sie zufällig mehr Neandertaler-DNA abbekommen haben und „Neandertaler-artiger“ sind. Es sind so gut wie nie Frauen, die sowas von sich behaupten. Wenn Frauen schreiben, dann um nachzufragen, ob nicht ihr Mann vielleicht ein Neandertaler ist 😀
    Aber ich glaube, dass beruht auf einem generellen Missverständnis, dass Neandertaler so das Typusbild eines ungehobelten Höhlenbewohners darstellen. Ich vermute aber, dass das nicht gerechtfertigt ist und man den Neandertalern damit Unrecht tut, da die Kultur der Neandertaler durchaus vergleichbar war veglichen mit den damaligen modernen Menschen (glaube ich). Und wenn ich mich nicht täusche, hatten sie in Sachen Hirnvolumen sogar etwas mehr zu bieten. Und das ist ja eines der Hauptmerkmale der Homininen: ein übermäßig großes Gehirn.

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