Die Pharma-Lüge – Ben Goldacre

Wenn man krank ist und einen Arzt konsultiert, geht man davon aus, dass der einen bestmöglich versorgt. Dazu gehört, dass er einen Überblick über die verfügbaren Medikamente und die damit verbundenen Nebenwirkungen hat. Wir vertrauen darauf, dass die Pharma-Firmen und Zulassungsbehörden ihren Job ordentlich gemacht haben und die Medikamente auf dem Markt sicher und wirksam sind. Aber ist das wirklich so? Der Arzt und Journalist Ben Goldacre geht diesen Fragen in seinem Buch Die Pharma-Lüge: Wie Arzneimittelkonzerne Ärzte irreführen und Patienten schädigen nach.

diepharmaluege

Wenn ich ehrlich bin, muss ich zugeben, dass ich normalerweise kein Buch mit einem derartigen Titel lesen würde. Es klingt einfach zu sehr nach Verschwörungstheorie. Aber da ich bereits Goldacres Buch Die Wissenschaftslüge kannte und es wirklich lesenswert ist, musste ich hier auf jeden Fall einen Blick riskieren. (Die Titel beider Bücher in der übersetzten Version finde ich ziemlich grottig. Die Originale heißen Bad Science und Bad Pharma. Manchmal beweisen deutsche Verlage in der Hinsicht einfach kein Talent. Der Abschuss ist für mich die „Übersetzung“ von Dawkins‘ The greatest show on earth mit Die Schöpfungslüge. Offensichtlich müssen immer irgendwelche Lügen aufgedeckt werden. Aber mit solchen Titeln muss man wohl leben…)

Goldacre zeigt, dass die Lage im Gesundheitswesen oft erschreckend ist, wenn es um Arzneimittelforschung, Zulassung und Verschreibungen geht. Das Buch ist eine echte Tour de force. Mit vielen Zitaten und Belegen konfrontiert Goldacre den Leser damit, dass viele Daten zu getesteten Medikamenten nie veröffentlicht werden und Zulassungsbehörden nicht gerade transparent arbeiten. Er erklärt, mit welchen Tricks Pharma-Firmen ihre Produkte besser dastehen lassen, als sie sind, und wie die Firmen das Verhalten von Patienten und Ärzten manipulieren.

Es geht hier nicht um groß angelegte Verschwörungen von Pharma-Firmen und Ärzten, die ihre Patienten in einem Zustand zwischen gesund und tot halten wollen, um sie konstant behandeln zu können und Geld zu verdienen. Aber es geht ums Geld verdienen. Damit Medikamente auf den Markt kommen können, werden Studien durchgeführt, die die Sicherheit und Wirksamkeit der Arzneimittel nachweisen sollen. Von den Studien erblicken aber oft nur jene mit positivem Ausgang das Licht der Öffentlichkeit. Die Studien, die darauf hindeuten, dass das Produkt keinen Nutzen für Patienten hat, fallen hinten runter. Ein systematischer Überblick über Nutzen und Nebenwirkungen wird so unmöglich.

Welches Medikament wirkt besser? Keiner weiß es… (Bild: public domain)

Zudem sind die Studien oftmals nicht optimal ausgelegt. Verglichen werden die Medikamente oft nur mit Placebos, also keiner Behandlung. Die Latte wird dann möglichst niedrig angelegt. Oder es dienen andere Medikamente als Vergleich, die aber in unüblich hohen oder niedrigen Dosen verabreicht werden. Man hat folglich keine Ahnung, welches von zwei Medikamenten besser und sicherer ist. Und wenn während einer Studie abzusehen ist, dass die Arznei sich nicht wie gewünscht verhält, kürzt man die Studie ab, um z. B. Nebenwirkungen, die auf lange Sicht auftreten, zu verschleiern. Oder man nutzt einen der vielen anderen Tricks, die Goldacre erwähnt.

Das Verhalten von Patienten und Ärzten wird von Pharma-Firmen auf vielfältige Weise beeinflusst. Selbsthilfegruppen werden gesponsert, mit Kampagnen „wird ein Bewusstsein für die Krankheit geschaffen“ – in anderen Worten, die Verbreitung der Krankheit wird übertrieben – oder die Ärzte werden einfach mit Vergünstigungen so manipuliert, dass sie die eigenen Produkte verschreiben.

Genausogut kann man aber auch Apotheker mit Vergünstigungen locken, damit diese die „richtigen“ Medikamente verschreiben. So lautet zumindest der Vorwurf, der aktuell einem Schweizer Pharma-Konzern gemacht wird. Alternativ kann man auch wissenschaftliche Zeitschriften, in denen die Studien zu Wirkstoffen veröffentlicht werden, quasi abhängig machen, indem man viel Geld für Anzeigen in diesen Zeitschriften zahlt. Anscheinend verdienen die Journale mehr Geld durch diese Werbung als durch Abonnements. Goldacre führt einen Fall an, bei dem ein kritischer Artikel nicht veröffentlicht wurde, weil die Marketing-Abteilung der Zeitschrift ihr Veto einlegte. Ich wusste nicht mal, dass wissenschaftliche Journale so eine Abteilung haben…

Ich bin nun wirklich kein Experte auf diesem Gebiet und glaube eigentlich ja immer an das Gute im Menschen. Aber wenn es um Geld geht… Wenn nur ein Viertel der Dinge aus dem Buch stimmt – und Goldacre liefert viele eindeutige Zitate und Belege -, dann ist das erschreckend genug. Wer sich mal so richtig gruseln will, sollte dieses Buch lesen. Es ist anspruchsvoll und es ist nicht kurz. Dafür ist es flüssig geschrieben und wird immer wieder aufgelockert durch Goldacres britischen Humor. Es ist auch kein Fehler vorher einen Blick in sein Buch Die Wissenschaftslüge zu werfen, in dem es um die Nicht-Wirkweise alternativer Medizin geht, um zu erfahren, wie wissenschaftliche Medizin eigentlich aussehen sollte.

Abschließend hoffe ich, dass Goldacres Buch dazu genutzt wird, in Zukunft Fehler zu vermeiden, und sich die Pharma-Firmen bei der Lektüre nicht denken „Oh super, den Trick kannten wir noch gar nicht“…

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Ein Kommentar

  1. Dass Pharmafirmen Ärzte beeinflussen, ist ja fast schon Allgemeinwissen, aber dass sie Selbsthilfegruppen unterstützen, um dort einen Fuss direkt in der Tür des Patienten zu haben, macht mich gerade echt sprachlos.
    Kenne beide Bücher von Goldacre nicht, klingen aber hochinteressant!

    Gefällt 1 Person

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