Längengrad – Dava Sobel

Die Navigation auf dem Meer war früher, bis ins 18. Jahrhundert hinein, sehr ungenau. Schiffe verirrten sich auf hoher See, fanden ihren Zielhafen nicht und die Skorbut-geschwächten Besatzungen verloren ihr Leben. Deshalb wurden überwiegend gut bekannte Routen befahren, was dazu führte, dass die Schiffe auf diesen Wegen oft von Piraten heimgesucht wurden. Die unzulängliche Navigation kostete also Geld und Menschenleben. Woran die Navigation scheiterte, wie das Problem von einem gelernten Tischler gelöst wurde und dieser um die Anerkennung seiner Idee kämpfen musste, schildert Dava Sobel in ihrem Buch Längengrad – Die wahre Geschichte eines einsamen Genies, welches das größte wissenschaftliche Problem seiner Zeit löste.

laengengrad

Den Erdball unterteilt man für die Navigation in Breitengrade. Der größte Breitengrad läuft am Äquator entlang und teilt den Globus in südliche und nördliche Hemisphäre. Die anderen Breitengrade laufen parallel dazu und werden in Richtung der Pole immer kürzer. Die geographische Breite ist relativ einfach mit einem Jakobsstab zu berechnen. Es ist deutlich schwerer zu bestimmen, an welchem Längengrad man sich gerade befindet.

Der größte Breitengrad, der Äquator, und die Längengrade, die alle durch die beiden Pole laufen. (Pearson Scott Foresman; gemeinfrei)

Theoretisch ist es aber einfach. Man nimmt sich eine Uhr und stellt sie am Abfahrtshafen auf genau 12.00 Uhr, wenn die Sonne im Zenit steht. Die Erde dreht sich an einem Tag einmal um sich selbst oder in 24 Stunden um 360 Grad. In einer Stunde dreht sie sich also um 360 / 24 = 15 Grad. Wenn man jetzt mit seinem Schiff gen Westen schippert und auf seine Uhr sieht, wenn die Sonne ihren höchsten Punkt erreicht, ist es aber nicht mehr 12.00 Uhr, sondern später. Wie viel später hängt davon ab, wie weit man nach Westen gesegelt ist. Ist es eine Stunde später, hat man sich um 15 Grad nach Westen bewegt. So einfach.

Wo ist also das Problem? Die Uhren waren früher ungenau. Die Pendeluhren waren auf See ganz und gar untauglich. Also konnte man auch nicht ordentlich navigieren. John Harrison (1693-1776), ein Uhrmacher-Autodidakt, machte sich daran das Problem zu lösen – auch weil die britische Regierung einen hochdotierten Preis für denjenigen auslobte, der die Navigation revolutionierte.

Dava Sobel lässt eine Zeit wieder lebendig werden, in der Astronomen besessen davon waren, die Zeitmessung in den Griff zu bekommen. Wer einmal die Sternwarte in Greenwich nahe London besucht, durch die per Konvention der Null-Meridian verläuft, kann sich davon ein gutes Bild machen.

John Harrisons erste Schiffsuhr, die H1 (Phantom Photographer; CC BY-SA 3.0)

Man trifft im Buch auf allerhand bekannte Persönlichkeiten wie Isaac Newton, Edmond Halley (der, nach dem der Komet benannt ist) oder Galileo sowie die ersten britischen Königlichen Astronomen (nach dem allerersten davon, John Flamsteed, ist das Gebäude benannt, durch das der Null-Meridian verläuft). Alle waren auf die ein oder andere Art in das „Längengradproblem“ involviert.

Tatsächlich konnte Harrison eine Uhr bauen, die auf See über 81 Tage nur um fünf Sekunden falsch ging. Er löste die Probleme der Erschütterungen und der wechselnden Temperaturen, die dazu führten, dass das Metall sich ausdehnte, die Viskosität des Schmieröls sich änderte und die Uhren einfach falsch gingen. All das schaffte er bereits 1759. Bis er das Preisgeld erhiehlt, sollten aber noch weitere 14 Jahre vergehen. Seine Widersacher, die eine astronomische Methode zur Längengradbestimmung bevorzugten, forderten immer neue Prüfungen, die kaum zu bestehen waren.

Harrisons H4, die die Navigation revolutionierte. (Phantom Photographer, CC BY-SA 3.0)

Im Laufe der Zeit setzte sich in der Praxis Harrisons Methode zur Längengradbestimmung durch. Schiffskapitäne kauften auf eigene Kosten teure Uhren, um sicherer navigieren zu können. Die HMS Beagle, mit der Darwin unterwegs war und die unbekannte Landstriche kartographieren sollte, hatte 22 Chronometer dabei – nur um sicherzugehen.

An dem Längengradproblem bissen sich jahrzehntelang die schlausten Köpfe ihrer Zeit die Zähne aus, bis ein wissenschaftlicher Laie, der das Uhrmacherhandwerk nicht mal in einer ordentlichen Lehre gelernt hat, es löste. Kaum einer kennt heute noch Harrisons Namen. Deshalb ist es immerhin gut zu wissen, dass Dava Sobels Klassiker, der auch verfilmt wurde, die Erinnerung an ihn aufrecht erhält. Die Uhren sind übrigens im National Maritime Museum in Greenwich ausgestellt. Schade, dass ich das erst jetzt weiß, ich habe nämlich vor ein paar Jahren im Museum gleich wieder kehrt gemacht, weil mich die ganzen alten Waffen usw. nicht besonders interessiert haben…

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4 Kommentare

  1. Ich war auch so fasziniert von der Aufarbeitung des Themas, dass ich mir „Die Planeten“ und „Galileos Tochter“ von Sobel geholt habe, die aber leider noch ungelesen hier liegen. In Zeiten des GPS macht man sich zu wenig Gedanken, mit welchen Tücken die Menschen vor nicht allzu langer Zeit noch zu kämpfen hatten und mit welchem Erfindergeist und Verstand Probleme gelöst wurden.
    (Bei der letzten partiellen Sonnenfinsternis musste ich leider feststellen, dass selbst einfachste Phänomene am Himmel, nicht mehr wirklich verstanden, sondern nur noch konsumiert werden.)

    Wenn die Bücher hier weiterhin in dem Tempo vorgestellt und schmackhaft gemacht werden, weiss ich bald nicht mehr, was ich zuerst lesen soll! Vielen Dank. 😉

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  2. Ich denke auch, dass „Längengrad“ nicht das letzte Buch von Sobel war, das ich gelesen habe. Wenn Du die anderen beiden Bücher gelesen hast, schreib mal wie’s war!
    Von wegen Tempo: so wird’s wahrscheinlich nicht weitergehen…“Längengrad“ war ja recht kurz und das hab ich dann auch mal an nem faulen Sonntag geschafft 😉 Längere Bücher brauchen dann auch mehr Zeit 🙂

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  3. Hallo Böx,
    Deine Buchvorstellung passt so wunderbar zu dem Buch, welches ich gerade lese: „Sextant“ von David Barrie. Auch Barrie erzählt vom Längengrad-Problem und den verschiedenen Methoden, mit denen es gelöst wurde. Darüber hinaus berichtet er von einem 4-wöchigen Segeltörn, bei dem er lernte, mit einem Sextanten nach den Gestirnen zu navigieren. Das ist toll erzählt!
    Die Lektüre von „Galileos Tochter“ habe ich vor Jahren gelangweilt abgebrochen. Sobels Buch „Längengrad“ scheint um Klassen besser zu sein. Das möchte ich irgendwann mal nachholen, nachdem hier schon 2 Leser davon schwärmen 🙂

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  4. Hallo Petra,
    dann bin ich mal gespannt auf Deine Besprechung von „Sextant“…“Längengrad“ ist auf jeden Fall lesbar! Und außerdem isses kurz! Ein Eigenschaft, die ich an Büchern durchaus zu schätzen weiß 🙂

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