Eine kurze Geschichte der Menschheit – Yuval Noah Harari

„Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie reimt sich.“
Mark Twain
Naturwissenschaftler suchen ja immer nach Mustern, die sich wiederholen. Mit denen man etwas vorhersagen kann. Nach dem Motto: Wenn dies und jenes gegeben ist, dann passiert das und das. Aber gibt es diese Muster auch in der Menschheitsgeschichte? Wiederholt sie sich? Hat sie eine bestimmte Richtung, in die sie sich entwickelt? Um darauf eine Antwort zu finden, habe ich mir Yuval Noah Hararis Buch „Eine kurze Geschichte der Menschheit“ angesehen…
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„Eine kurze Geschichte der Menschheit“ ist keine chronologische Aufzählung historischer Ereignisse. Es geht um große Zusammenhänge und geschichtliche Entwicklungen, die den weiteren Weg der Geschichte nachhaltig verändert haben. Harari unterteilt die Menschheitsgeschichte anhand dreier wichtiger Ereignisse. Nachdem die Menschen – genauer die Art des Homo sapiens (also wir) – lange neben anderen, sehr nahe verwandten Spezies wie z. B. dem Neanderthaler lebten, machten sie vor etwa 70.000 Jahren den „großen Sprung nach vorn“, wie es der Biologe Jared Diamond formulierte. Harari nennt es die kognitive Revolution. Die Menschen waren nun keine unauffälligen Tiere mehr, sondern lernten über Sprache zu kommunizieren. Sprache und der damit einhergehende Klatsch und Tratsch ermöglichten es, große Gruppen mit vielen Mitgliedern zusammenzuhalten.

Die landwirtschaftliche Revolution vor über 10.000 Jahren ging mit der Domestikation verschiedener Tier- und Pflanzenarten einher, die nun für den Menschen besser nutzbar gemacht wurden. Die Erfindung der Landwirtschaft erlaubte auch, noch größere Gruppen in einem kleineren Gebiet zu ernähren. Schließlich kam vor über 500 Jahren die wissenschaftliche Revolution, die zusammen mit dem europäischen Imperialismus und Kapitalismus für immer schnellere Veränderungen und Wachstum sorgte.

„Eine kurze Geschichte der Menschheit“ brachte mich dazu, verschiedene Dinge einmal aus einem neuen Blickwinkel zu betrachten. Zum Beispiel dachte ich immer wie selbstverständlich, dass die Domestikation des Weizens dazu führte, dass mehr Menschen versorgt werden konnten und dies nützlich für den Menschen war. Harari betrachtet es anders herum. Weizen war früher eines unter vielen Gräsern. Durch die landwirtschaftliche Revolution bekam dieses Getreide eine Vormachtstellung, es bedeckt mehrere Millionen Quadratkilometer weltweit, während es vor der Erfindung der Landwirtschaft nur im Nahen Osten vorkam. Und die Menschen tragen zu seiner Verbreitung bei, indem sie sich krumm und buckelig arbeiten, den Acker pflügen und den Weizen vor Konkurrenz und Schädlingen schützen. Um das zu tun, mussten sie sesshaft werden und das Nomadentum aufgeben. Und das Jäger-und-Sammler-Dasein gegen eine bäuerliche Existenz zu tauschen, könnte tatsächlich ein schlechter Deal gewesen sein. Die Arbeitsstunden pro Tag wurden mehr, die Ernährung wurde einseitiger und die Versorgung riskanter, da die Bauern auf wenige Nahrungsmittel angewiesen waren. Das lässt den Schluss, dass „es diese Pflanzen [waren], die den Homo sapiens domestizierten, nicht umgekehrt“.

Wer hat hier wen domestiziert? Wir den Weizen oder er uns? (Eugen Staab; gemeinfrei).

Auch das Aufkommen der Wissenschaft habe ich noch nie aus Hararis Perspektive gesehen. Für ihn ist ein Wendepunkt in der Geschichte das Jahr 1492, als sich die alte und die neue Welt zum ersten Mal begegneten. Kolumbus „entdeckte“ Amerika, dabei wollte er nur einen neuen Seeweg nach Asien finden. Man musste sich eingestehen, dass man von einem ganzen Kontinent nichts wusste (Kolumbus wollte das aber anscheinend bis an sein Lebensende nicht wahrhaben), obwohl doch die Bibel, die alles relevante Wissen in sich vereinen sollte, nichts davon erzählte. Symbolisch für dieses Eingeständnis waren neue Landkarten, die viele weiße Flecken enthielten.

Um diese Flecken zu füllen, wurden Expeditionen entsandt, auf denen Wissenschaft und Imperialismus – Expedition und Eroberung – Hand in Hand gingen. So unternahm beispielsweise Darwin seine Weltreise an Bord der HMS Beagle mit Kapitän FitzRoy, der für die Royal Navy militärische Karten erstellen sollte. Um effektiver expandieren zu können, musste man möglichst viel über die entsprechenden Landstriche und die dort lebende Bevölkerung erfahren und stellte deshalb Wissenschaftler dafür an.

Die HMS Beagle, mit der Darwin seine Weltreise unternahm, in Feuerland (Conrad Martens, Schiffsmaler der Beagle von 1833-1834, gemeinfrei).

Diese Fahrten kosteten viel Geld, das irgendjemand zahlen musste. Früher dachte man, dass die Welt im Wesentlichen bekannt war und dass das verfügbare Vermögen nicht vermehrt werden konnte. Der Kuchen war immer gleich groß. Die Bereitschaft hohe Kredite zu geben war relativ niedrig, da die Chancen sein Vermögen zu vermehren auch gering waren. Nun waren aber offensichtlich ganze Kontinente den Eurpäern komplett unbekannt und weitgehend unerschlossen. Und versprachen großen Profit. Man konnte also mit dem Eingeständnis, nicht alles zu wissen, den Kuchen vergrößern. Mit Geld wurden wissenschaftliche Expeditionen gefördert, die die europäische Expansion erleichterten, welche wiederum mehr Geld in die Kassen der Investoren spülte. So förderten sich Wissenschaft, Imperialismus und Kapitalismus gegenseitig. Und die durch Wissenschaft geförderte Technologie sorgt (bisher) dafür, dass das Wachstum nicht aufhört: „Banken und Staaten drucken Geld, aber unterm Strich zahlen die Wissenschaftler die Zeche“.

Und gibt es denn nun eine Richtung der Geschichte? Aus der „Satellitenperspektive“ betrachtet gibt es sie tatsächlich, sagt Harari. Die Welt bewegt sich in Richtung Einigung. Es gibt immer weniger Kulturen, die isoliert und unabhängig sind. Im Laufe der Geschichte verbanden sich immer mehr Kulturen und wenn sie nicht in einer Kultur aufgingen, so treiben sie doch zumindest Handel miteinander. Und u.a. dieser führt auch dazu, dass die Gewalt abnimmt. Die Menschheit erlebt derzeit, man mag es kaum glauben, die friedlichste Periode ihrer Geschichte. Es wird immer uninteressanter, imperialistisch zu denken, da Handel großen Profit verspricht und nicht mit derart großen Kosten wie ein Krieg verbunden ist. Zumindest ist das seit 1945 so. Ob es so bleibt, ist natürlich schwer abzuschätzen. (Wer das ausführlich haben möchte, ist bei Steven Pinkers Gewalt. Eine neue Geschichte der Menschheit gut aufgehoben – denn ausführlich ist es mit seinen über 1000 Seiten… Pinker meint, dass der Verlust kultureller Vielfalt der Preis für eine friedliche Welt sein könnte.)

Harari hinterfragt viele Aspekte der gegenwärtigen Kultur und unseres Weltbildes, welche durch Kapitalismus, Imperialismus und Wissenschaft geprägt sind. Ironischerweise kann er natürlich diese Kultur nur in ihren historischen Kontext stellen, weil es ihm die Erkenntnisse vieler anderer Wissenschaftler erlauben…

Zum Schluss wagt Harari noch einen Ausblick in die Zukunft. Die Erkenntnisse der Medizin könnten den Menschen unsterblich machen. Künstliches Leben könnte unser Bild von Leben im Allgemeinen total umkrempeln. Wir werden Cyborgs, eine neue Generation von Menschen, die man vielleicht als andere, neue Art begreifen sollte. Harari bringt gute Belege für seine Ansichten und behauptet auch nicht, dass es so kommen wird, sondern dass es so sein könnte. Trotzdem bin ich skeptisch. Als im Jahr 2000 das humane Genom sequenziert war, gab es auch Versprechungen, dass Krebs in Kürze geheilt sei und wir bald alles über alle Gene wüssten. Aber damit fing die Arbeit eben erst an. Es gab riesige Bedenken, als in den 1970er Jahren die künstliche Befruchtung aufkam. „Retortenbabys“, „künstliche Menschen“. Auch das wurde nicht so heiß gegessen, wie es gekocht wurde. Wir werden sehen… Prognosen sind nun mal schwierig, vor allem wenn sie die Zukunft betreffen.

Es gäbe noch so viel mehr zu dem Buch zu sagen. Aber dieser Text ist ja auch schon recht lang. Was mir am Buch fehlte, waren etwas mehr Literaturverweise und ein Register. Ansonsten ist das Buch persönlich geschrieben, mit einer Portion Meinung, viel Ahnung, manchmal streitbar. Es bietet viel Stoff zum Nachdenken, um Dinge aus einer neuen Perspektive zu betrachten und bisher ungeahnte Zusammenhänge zu überdenken. Dementsprechend war das Buch genau das, was ich mir davon erhofft hatte!

 

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2 Kommentare

  1. „… mit einer Portion Meinung, viel Ahnung, manchmal streitbar.“

    Diesen Eindruck gewinne ich schon allein aus Deiner Vorstellung des Buches! Ich sehe es zum Beispiel auch als eine Form der Gewalt an, Menschen aus ihrem Kulturkreis zu treiben und sie für inhuman wenig Geld in Fabriken für den Wohlstand einiger Weniger auf dieser Welt arbeiten zu lassen. Da braucht es keinen zusätzlichen Krieg.

    Scheint eine interssantes Buch mit viel Diskussionspotential zu sein! Vielen Dank für Deine Eindrücke!

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  2. Diskussionspotential gibts einiges. Ich konnte ja nicht auf alles eingehen. Es geht auch um die Rolle des Geldes und der Religion in der Geschichte etc. Wenn dich die Sache mit der Gewalt interessiert, kann ich wirklich Pinkers Buch empfehlen.

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