Asteroid Now – Florian Freistetter

Florian Freistetter bewundere ich ja sehr. Er betreibt seit Jahren eines der meistgelesenen deutschsprachigen Wissenschaftsblogs, Astrodicticum Simplex, und hat das Schreiben inzwischen zu seinem Beruf gemacht, nachdem er vorher an verschiedenen Universitäten als Astronom gearbeitet hatte. Ich schätze ihn für seine Art Wissen zu vermitteln – und dass er immer noch viel unentgeltlich bloggt, obwohl er mit dem Schreiben sein Geld verdient. Um ihn ein bisschen zu unterstützen, bietet es sich natürlich an, seine Bücher zu kaufen. Letztes Jahr brachte er mit „Die Neuentdeckung des Himmels“ ein Buch über die Erforschung der Exoplaneten heraus – mein persönlicher Sachbuchfavorit 2014. Ich habe mich deshalb sehr gefreut, dass bereits ein Jahr später der Nachfolger „Asteroid Now – Warum die Zukunft der Menschheit in den Sternen liegt“ in den Regalen steht.

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Florian Freistetter – Asteroid Now

Freistetter erklärt uns, dass unsere Erde zwar derzeit ein recht gemütlicher Planet ist, dies aber nicht immer so war. Während der Entstehungszeit des Planeten gab es ein regelrechtes Bombardment des Planeten durch herumfliegende Gesteinsbrocken, durch die sich die Erde ja auch erst gebildet hat. Obwohl es nicht mehr allzu viele dieser Zusammenstöße gibt, fängt die Erde immer noch bis zu 100 Tonnen außerirdisches Gestein pro Tag ein. Das Material besteht zwar überwiegend aus Staub, manchmal kommt uns aber auch ein größerer Brocken in die Quere: so wie 2013 in Russland, als ein etwa 20 Meter großer Asteroid über der Stadt Tscheljabinsk explodierte, wodurch mehrere Menschen verletzt wurden (hauptsächlich durch Glassplitter von berstenden Scheiben). 1908 geschah vermutlich etwas Ähnliches über der sibirischen Taiga. Über Tunguska sorgte die Explosion eines etwa 60 Meter großen Asteroiden dafür, dass auf über 2000 Quadratkilometern Bäume umknickten.

Umgeknickte Bäume in Tungsuka. Bild: gemeinfrei.

Das berühmteste derartige Ereignis ereignete sich vor 65 Millionen Jahren und trug zum Aussterben der Dinosaurier bei, als ein mindestens 10 km großer Impaktor für den Chicxulub-Krater in der Nähe der Halbinsel Yucatan, Mexiko, sorgte. Was mir an diesen Stellen besonders gut gefiel, war, dass Freistetter nicht nur erzählt, was man inzwischen alles herausgefunden hat, sondern auch wie. Zu Beginn der geologischen Forschung erklärte man sich vieles durch das Auftreten von Katastrophen, die Sintflut-Erzählung wurde noch ernst genommen. Der Geologe Charles Lyell behauptete hingegen im 19. Jahrhundert, dass sich das Angesicht der Erde sehr langsam und über riesige Zeiträume hinweg verändert. Zusammen mit Darwins Theorie, dass sich auch biologische Arten langsam entwickeln, führte diese Erkenntnis zu der Annahme, dass Katastrophen keine Erklärungskraft bei geologischen oder biologischen Fragestellungen haben. Dementsprechend schwer taten sich die ersten Verfechter der Impakt-Dinokiller-Hypothese anfangs…

Es kann also immer wieder zu solchen Einschlägen kommen. Freistetter erklärt anschließend, wie man Asteroiden in der Zukunft abwehren kann. Ihre Bahnen können verändert werden, indem man z. B. auf ihnen riesige Sonnensegel anbringt, die ständig Photonen der Sonne einfangen und dadurch tatsächlich abgelenkt werden können. Man kann natürlich auch einfach etwas auf den Asteroiden werfen – oder: man bestrahlt ihn mit einem Laser. Nicht von der Erde aus, sondern aus nächster Nähe. Dann verdampft auf der Oberfläche Material und das resultiert in einem Rückstoß.

Im weiteren Verlauf des Buches geht es darum, dass Asteroiden aber nicht nur eine Gefahr darstellen, sondern auch eine Chance. Man kann Asteroiden z. B. zum Abbau von Rohstoffen nutzen. Damit dies profitabel wäre, müsste allerdings die Raumfahrt deutlich billiger werden. Derzeit kostet es 12.000 EURO ein Kilogramm Last ins All zu befördern (Quelle: ESA). So lohnt es sich einfach nicht, Gerät für Asteroid-Minenbau ins All zu schaffen. Freistetter nennt einen der vielversprechendsten Ansätze, diese Kosten drastisch zu senken: einen Weltraum-Lift. Dazu verankert man ein Seil im Boden, schafft das andere Ende ins Weltall und lässt es mit der Erddrehung mitrotieren. Am Seil befestigt man eine Gondel, die hin und her fährt. Einige kennen die Konstruktion vielleicht aus Frank Schätzings Science-Fiction-Thriller „Limit“, in dem der Lift eine zentrale Rolle spielt. So schön simpel das auch klingt, bisher scheitert der Plan am Material fürs Seil. Das Seil muss mehrere tausend Kilometer lang sein – und jedes derzeit bekannte Material würde unter seinem eigenen Gewicht reißen. Aber wenn ein passendes Material entwickelt werden könnte, böten sich faszinierende Möglichkeiten, die Freistetter sehr anschaulich zeichnet.

Künstlerische Darstellung des Weltraumlifts. Bild: gemeinfrei.

Im Roman „The Sparrow“ von Mary Russel reist eine Crew in einem Asteroiden als Raumschiff. Auch diese Möglichkeit wird von Freistetter erörtert, da man das Material aus dem ausgehöhlten Asteroiden unmittelbar nutzen könnte und der Asteroid einen auch von der kosmischen Strahlung schützen könnte. Möglicherweise können Menschen einen Asteroiden über mehrere Generationen hin nutz- und bewohnbar machen und mit ihm zwischen den Sternen reisen? Das mag nach purer Science-Fiction klingen, doch Freistetter schreibt, es sei „Spekulation, die auf seriöser Wissenschaft beruht“. Je weiter man im Buch kommt, desto spekulativer werden die Themen, die besprochen werden. Das Lesen macht aber auch hier nicht weniger Spaß.

Was mir am Buch besonders gut gefällt, ist, dass es wie bereits sein Vorgänger ein eng umrissenes Thema hat, das angenehm kurz behandelt wird. Es gibt zwar Exkurse in die Geologie oder in die Klimaforschung, aber diese dienen immer der Erörterung des zentralen Themas und wirken nie deplatziert. Das Buch ist absolut allgemeinverständlich geschrieben und leidet zu keiner Zeit unter zu viel Fachchinesisch. Freistetter macht klar, dass irgendwann in ferner Zukunft, der Ofen – d.h. die Sonne – definitiv aus ist und sich die Menschheit eine neue Heimat suchen muss, wenn sie überleben will. „Asteroid Now“ erinnert mich aufgrund seines Themas und seiner Visionen an „Pale blue dot“ von Carl Sagan. Sicher kein schlechtes Merkmal für ein Buch.

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2 Kommentare

  1. Ein herzliches Hallo und ein großes Dankeschön für dieses neue Blog möchte ich an dieser Stelle loswerden. Ich habe soeben über die Weitergabe des Blogstöckchens auf Elementares Lesen hierhergefunden, mich ein wenig umgeschaut und möchte hier erst mal bleiben.

    Die Freistetter Bücher habe ich alle, bis auf das oben besprochene (das wird sich aber hoffentlich bald ändern). Er hat einfach die Gabe, den „Himmel“ so zu veranschaulichen, dass auch ich alles kapiere und meinen Sohn sogar zu tollen Referaten für die Schule animiert wurde.

    Sagan, Brysen und Weir sprechen dafür, dass ich hier noch eine Weile Spass haben werde.

    Also nochmals, vielen Dank dafür!

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  2. @Emswashed: Herzlich Willkommen! Schön, dass Dir die Auswahl gefällt. Würd‘ mich auch freuen, wenn Du ab und an wieder vorbeischaust 🙂

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