Zwei ganz unterschiedliche Science-Fiction-Romane

Ein gängiges Klischee über Science-Fiction ist ja, dass es sowieso immer nur um Raumschiffe, Warp-Antrieb, Aliens und Kriege mit den Außerirdischen geht. Und gar nicht so selten stimmt das ja auch (wobei ich auf diese Art der Science-Fiction nicht besonders stehe…). Zufälligerweise trifft das auf die letzten beiden Sci-Fi-Romane, die ich gelesen habe, aber gerade nicht zu. In dem einen gibt es gar keine Aliens, in dem anderen ist der ganze Technik-Kram und Aliens eher Nebensache. Und beide sind auf ihre ganz eigene Art originell.der_marsianer

Das erste Buch stammt von Andy Weir, einem amerikanischen Software-Entwickler mit einem Faible für Raumfahrt. Sein Debüt-Roman „Der Marsianer“ ist inzwischen ein Bestseller und die Verfilmung wird bereits Ende des Jahres in die Kinos kommen.

Die Geschichte ist schnell erzählt. Die ersten bemannten Mars-Missionen sind bereits abgeschlossen, der Astronaut Mark Whatney ist Crew-Mitglied der dritten Mission, wird während eines Marssturms verletzt und bewusstlos. Als er wieder zu sich kommt, bemerkt er, dass der Rest der Crew zurück zur Erde aufgebrochen ist, da sie dachte, Whatney sei ums Leben gekommen. Die Basisstation steht noch, alle Lebenserhaltungssysteme sind noch intakt, auch Fortbewegungsmittel stehen zur Verfügung. Nur Kontakt mit der Erde kann er nicht aufnehmen. Seine Lebensmittel reichen nicht allzu lange, die nächste Mars-Mission wird erst in Jahren eintreffen und das auch an einem ganz anderen Ort. Whatney stellt also gleich zu Beginn des Buches im ersten Satz fest:

Ich bin sowas von im Arsch.

Ein Großteil des Buches besteht aus den Logbuch-Einträgen von Whatney (später wird auch aus einer auktorialen Perspektive heraus das Geschehen auf der Erde erzählt). Und der fragt sich ständig, wie er als einziger Mensch auf dem Mars mit seinen begrenzten Ressourcen überleben kann. Glücklichweise ist Whatney Botaniker und Ingenieur. Er schafft es, einen Garten anzulegen, indem er aus Treibstoff Wasser synthetisiert, und den sterilen Marsboden auf zielführende, aber unappetitliche Art und Weise düngt. Und er schafft es, irgendwann auch mit der Erde zu kommunizieren.

Im Grunde geht es das ganze Buch über um die Frage: Wie kann Whatney mit den begrenzten Mitteln, die ihm zur Verfügung stehen, seine Ziele erreichen – also schlussendlich überleben? Wie analytisch er dabei vorgeht, welche Gedankengänge er verfolgt und was dabei schiefgeht, macht den Kern des Buches aus. Und das ist ungemein spannend, mitreissend und oft auch recht komisch. Die Geschichte einer Robinsonade auf einem fremden Planeten spielen zu lassen – mit Technik, die im Grunde jetzt zur Verfügung steht – und sie sehr detailliert zu beschreiben, lässt das Geschehen sehr realistisch und nicht so sehr wie Science-Fiction wirken.

Was Weir aber beim Erzählen vernachlässigt, ist Whatney selbst. Nur sehr selten erfährt der Leser wirklich etwas über den Gefühlszustand des Protagonisten, geschweige denn über seinen Lebenslauf oder seine ursprüngliche Motivation, Biologe, Ingenieur oder Astronaut zu werden. Whatney ist zwar sehr lange isoliert, oft ohne Kontakt zu anderen Menschen und doch wirkt er überwiegend ausgeglichen. Das ist vielleicht der Aspekt des Buches, der insgesamt am Wenigsten glaubwürdig ist.

Ganz anders ist der Ansatz von „The Sparrow“ (auf deutsch: „Der Sperling“) von Mary Doria Russell aus dem Jahr 1996. Die Story klingt ein bisschen wie der Beginn eines ziemlich nerdigen Witzes: vier Jesuiten, ein Physiker, ein Ingenieur, eine Ärztin und eine Computerexpertin brechen auf eine Mission zu einer außerirdischen Zivilisation auf…

the_sparrowDer Physiker arbeitet nämlich am Arecibo-Observatorium, wo nach Radio-Signalen von Außerirdischen gesucht wird. Und er empfängt tatsächlich eine Übertragung außerirdischer Musik. Es ist definitiv echt. Und zufällig stammt es von Alpha Centauri, dem Sternensystem, das uns mit etwa vier Lichtjahren am nächsten liegt. Ein Freund des Physikers ist Jesuiten-Priester, der schon auf der ganzen Welt unterwegs war und auf die Idee kommt, man könnte da doch mal hinfliegen. Die Jesuiten, die eine Menge Erfahrung im Kontakt mit anderen Kulturen haben, erklären sich bereit, die Mission zu finanzieren und die oben erwähnte Gruppe – bestehend aus Freunden des Jesuiten-Priesters – macht sich auf den Weg. Als Raumschiff wird ein Asteroid verwendet (das ist gar nicht so unrealistisch, darüber vielleicht bei einer anderen Buchbesprechung mehr…) und aufgrund relativistischer Effekte dauert der Flug für die Insassen auch nur mehrere Monate, während auf der Erde Jahrzehnte vergehen (ich habe allerdings keine Ahnung, ob die Zahlen ansatzweise stimmen).

Nachdem ich durch „Der Marsianer“ realistische (oder zumindest realistisch wirkende) Beschreibungen gewohnt war, hat mich die Geschichte zunächst gestört. Das Signal kommt zufällig vom nächstgelegenen Sternensystem, die Mission ist viel zu schnell geplant, die Crew wird mehr oder weniger aus ein paar Bekannten zusammen gestellt, mit keinem Wort wird erwähnt, wie der Rest der Welt auf das ET-Signal reagiert etc. – meine willentliche Aussetzung der Ungläubigkeit wurde hier auf eine harte Probe gestellt.

Aber irgendwann habe ich bemerkt, dass es darum in diesem Buch einfach nicht geht. Der Schwerpunkt liegt vielmehr auf den Crew-Mitgliedern, die ganz unterschiedliche Hintergründe und vor allem auch Glaubensvorstellungen haben. Wie kommen diese Menschen auf ihrer Mission miteinander zu Recht? Glauben sie daran, dass Gott dafür verantwortlich ist, dass sie es bis zum Ziel, einem Planeten von Alpha Centauri, geschafft haben? Deus vult („Gott will es“) ist einer der am häufigsten Sätze des Buches. Und wie ändern sich diese Einstellungen, wenn (sehr) unangenehme Dinge passieren? Ist Gott auch dafür verantwortlich?

Daneben begegnen die Crew-Mitglieder natürlich auf dem fremden Planeten auch noch außerirdischen Kulturen und versuchen, diese kennenzulernen und zu verstehen (um Missionierung geht es aber zu keiner Zeit). Auch hier spielt Technologie keine große Rolle. Es erinnert eher an Kontakte zwischen Missionaren und Kulturen während des Zeitalters der europäischen Expansion und genau diese haben laut der Autorin auch die Geschichte inspiriert. Was auf dem fremden Planeten selbst passiert, möchte ich gar nicht verraten. Aber die Spannung wird gekonnt und subtil gesteigert, indem die Autorin überwiegend aus zwei verschiedenen Zeiten erzählt: vor und nach der Mission, wo immer wieder angedeutet wird, dass während der Mission etwas sehr Schlimmes vorgefallen sein muss…

Es war interessant zu sehen, dass „Der Marsianer“ und „The Sparrow“ in ihrer Erzählweise extrem unterschiedlich sind, dabei keine Science-Fiction-Klischees bedienen und trotzdem beide sehr gut unterhalten und bis zum Schluss spannend bleiben („The Sparrow“ allerdings erst nach den ersten gut 100 Seiten). Vom „Marsianer“ werde ich mir sicher die Verfilmung ansehen und von „The Sparrow“ vermutlich den Nachfolger „Children of God“ lesen.

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