Biohacking – H. Charisius, R. Friebe, S. Karberg

Biotechnologie und „Gentechnik aus der Garage“ – geht das? Das Autorentrio Charisius, Friebe und Karberg hat den Selbstversuch unternommen und ist in die Szene der „Biohacker“ eingetaucht. Es gibt offensichtlich Leute in den USA (und einige wenige in Deutschland), die versuchen, molekularbiologische Experimente statt in einem professionellen Labor in ihrer Garage durchzuführen – ganz im Stile der Computerpioniere wie Gates oder Jobs, die so ihre Firmen gegründet haben. biohackingIst das gefährlich? Bauen da irgendwelche Irren Killer-Viren und -Bakterien? Sieht nicht so aus. Die Autoren besuchen viele Biohacker persönlich und fragen nach ihren Motiven und was sie denn so in ihrem Privatlabors treiben. Es gibt Fälle, in denen die Biohacker Biologie studiert haben und wissen möchten, ob sie genetisch für eine bestimmte Krankheit prädisponiert sind; oder sie wollen herausfinden, ob das Essen auch das ist, als was es sich ausgibt; oder es sind Leute, die einfach mal selbst herausfinden wollen, um was es bei Gentechnik überhaupt geht und wie das funktioniert.

Bei der Arbeit der Biohacker läuft es bisher immer darauf hinaus, dass man DNA aus irgendwelchen Proben – sei es das eigene Blut, Essen oder Hunde-Kot – herausholt, die DNA im Reagenzglas vermehrt, um sie untersuchen zu können, und sie anschließend analysiert – auf einem Agarose-Gel oder per Sequenzierung.

Das ist nicht gefährlich. Aber schwierig. Nicht unbedingt in einem biologischen Labor, aber zuhause durchaus. Und zwar weil man dafür allerhand Geräte und Reagenzien braucht. Und die entsprechenden Techniken beherrschen muss. Die Autoren beschreiben ausführlich, wie sie versuchen, ihr eigenes Labor in einem Büro einzurichten und hierfür bei eBay einen PCR-Cycler zum Vermehren der DNA-Moleküle ersteigern. Das Ding ist alt, schwer und langsam. Als jemand, der selbst schon routinemäßig mit derartigen Methoden gearbeitet hat, kann ich mir nur schwer vorstellen, mit solchem Gerät zu arbeiten. Das würde mir vermutlich keinen Spaß machen. Auch die Reagenzien im Internet oder in der Apotheke zu besorgen, ist anscheinend nicht ganz einfach. Die Firma, von der die Oligonukleotide für die DNA-Vermehrung stammen, hat sich zumindest darüber gewundert, an eine Privatadresse zu liefern und hat sich den Grund dafür erklären lassen. Und selbst wenn man alles hat, gehen die Experimente häufig schief und man weiß nicht so recht, warum. Zugegeben: So geht es allerdings auch professionellen Molekularbiologen oft.

Ich hätte mich gefreut, wenn die eigenen Versuche etwas ausführlicher beschrieben worden wären. Was geht denn wirklich mit begrenzten Mitteln für den Hausgebrauch. Und WIE funktioniert das genau? Ich denke nicht, dass viele Leute nach der Lektüre ein tieferes Verständnis von molekularbiologischen Methoden haben also vorher. Aber was den Autoren sehr gut gelingt, ist das Vermitteln des Spirits der Biohacker-Szene. Da sind keine Verwirrten am Werk, sondern motivierte, rationale Leute. Und was sie antreibt, ist eine Demokratisierung des Wissens und die Vorstellung, dass möglichst alle Bürger über gentechnische Methoden Bescheid wissen sollten. Ein Anliegen, das ich definitiv unterschreibe!

Die Frage, wie gefährlich Gentechnik aus der Garage ist, nimmt im Buch viel Raum ein. In Deutschland ist es sowieso schwierig bis unmöglich, an gefährliche Reagenzien „einfach so“ zu kommen. Außerdem ist es nicht erlaubt, im trauten Heim Organismen gentechnisch zu verändern. Entsprechende Labors müssen bei den Behörden angemeldet werden und wer das nicht tut, macht sich strafbar. In den USA scheint die Gesetzeslage etwas weniger streng zu sein. Dafür dürfen sich die Biohacker dort mit dem FBI rumschlagen, dass die Szene mehr oder weniger offen überwacht.

Abgesehen davon ist es vermutlich schneller, billiger und einfacher bestehende Krankheitserreger zu isolieren und zu vermehren als irgendwelche Bakterien im Labor zu Pathogenen zu machen. Ich denke, eine reelle Gefahr besteht in der Möglichkeit, dass Leute ihre DNA analysieren, um die Wahrscheinlichkeit abzuschätzen, ob sie später an irgendetwas erkranken oder nicht. Die Ergebnisse sind ohne kompetente Beratung, d.h. ohne einen Humangenetiker, nicht so einfach zu interpretieren (Nachtrag: Passend dazu wird gerade bei GENau diskutiert, ob man sein Genom sequenzieren lassen und die Ergebnisse eigenhändig interpretieren sollte). Zudem erfüllt das Experimentieren daheim nicht die Anforderungen, die an diagnostische Tests normalerweise gestellt werden. Selbst auf Materialien, mit denen der gemeine Universitätsbiologie seine Experimente durchführt, steht häufig: „For Research only, not for Diagnosis“. Bei Leuten, die sich selbst genotypisieren, ist das Risiko falsch-positiver oder falsch-negativer Ergebnisse groß. Und wer weiß schon, wie man reagiert, wenn man (irrtümlich) herausfindet, dass man Huntington hat… Um sich zu vergewissen, muss man dann doch wieder zu den Experten.

Man muss hervorheben, dass die Diskussion der Sicherheitsfrage sehr angenehm zu lesen ist. Es wird nicht verharmlost und es wird keine Panikmache betrieben. Diesen Stil würde ich bei ähnlichen Fragestellung gerne häufiger lesen. Und auch abgesehen davon ist das Buch anschaulich, lebensnah und witzig. Definitiv ein Gewinn fürs Bücherregal.

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